The World Through Your Ears

Die Abendschule „The World Through Your Ears“ im Weltkulturen Museum, 2012

Das Fremde im Eigenen: die Musik.

von Bastian Zimmermann

Das Weltkulturen Museum hat im Rahmen der Abendschule „The World Through Your Ears“ sechs Künstler eingeladen, die, so könnte man die These aufstellen, selbst kleine, eigenwillige Kulturen bildeten; einen Mikrokosmos, in den man in Form von Konzerten, Lecture Performances oder Workshops als Besucher eintauchen konnte. Wie etwa beim Auftritt der schweizerischen Jodlerin Christine Lauterbach, die sich mit ihrem extravaganten Auftreten und freien Umgang mit dem Liedmaterial stark von der Jodlertradition der Schweizer Alpen absetzt; als Zuhörer und Zuschauer des Konzertes beobachtete man eine Frau, die von ihrem eigenbrötlerischen Schaffen erzählte und jedes ihrer Stücke mit einigen erläuternden Worten ein- und ausleitete. Damit entstand eine Spannung zwischen der bewussten Inszenierung und den mitschwingenden Selbstverständlichkeiten, von dem, was die Person im Verhalten und Agieren unbewusst von sich (mit-)erzählt.

Bei allen Akteuren liegt der Fokus auf der Stimme, als dem primären Medium, das Kultur mitstiftet und transportiert. Denn jede noch so kleine Kultur gründet auf Erzählungen, Geschichten, die die Aufgabe haben, die Mitglieder ihrer selbst zu vergewissern, sie zu einer Gemeinschaft zu synchronisieren. Man denke an Schamanen, Entertainer oder auch Politiker. Sie alle erheben die Stimme und manche gehen wie der Theatermann und Komponist Thomas Desi vom Vortrag über in den Gesang, lassen die Sprache im Brustkorb oder Kehlkopf resonnieren. Besonders spannend wird es aber, wenn diese Geschichtenerzähler eben von sich selbst erzählen –  nicht unbedingt persönliche, aber eigentümliche, verschrobene und auch gewitzte Geschichten. Anton Bruhin trug neben seinen Stücken mit der Maultrommel immer wieder selbstgeschriebene Palindrome vor; Gedichte, die von vorn und hinten gelesen gleich bleiben und die in Abwechslung mit dem Spiel der Maultrommel ein unverwechselbar absurdes, künstlerisches Streben zu Tage brachten. Oder Rüdiger Carl, der die kühne Behauptung aufstellte, alle Kulturen der Welt zu erklären – KDW, oder auch Klumpen der Wahrheit – und der sich, anstatt einer objektiven Annäherung an das Thema, zunehmend im Erzählen von lauter kleinen,lustigen Geschichten aus dem Künstlerleben wiederfand.

Alle eingeladenen Akteure der von Oliver Augst und Vanessa von Gliszczynski kuratierten Abendschule nutzten neben ihrer Stimme allerlei Instrumentarium für ihr „höheres“ Erzählen – sei es die Fidel bei Lauterbach oder der Lautsprecher bei Desi und Carl. Dennoch sind sie weniger Musiker, als vielmehr Künstler, die in eigener Weise etwas zum Erklingen bringen, eine in sich funktionierende Welt erfinden und damit eine ausgefallene Sicht oder ein ungewohntes Verhalten zu den Dingen einnehmen; im stärksten Falle bildet sich um sie sogar eine Art Glocke, in der sie ganz eigene und vielleicht fremdartige Erklärungen, Intentionen und Motivationen, den Stand und Gang der Dinge beschreiben und erfahrbar machen.

Gegenüber all diesen Künstlern, die ein Instrument spielen, steht zumindest in Mitteleuropa das professionelle Musikertum. Allesamt sollen sie Virtuosen und Perfektionisten werden, die als außergewöhnliche Egos aus der Menge herausragen. Der Ort für die rituelle Feier dieser Menschen ist das Konzerthaus. In dieser Szenerie wird, wie eigentlich auch allabendlich bei „The World Through Your Ears“,Kultur gestiftet. Im Konzerthaus ist es jedoch zumeist eine Massenkultur des Außergewöhnlichen und Erhabenen, die zum alleinigen Staunen und Fasziniert-Sein, zu Begehren und Neid einlädt. Eine Spannung zwischen dem Fremden und Eigenen ereignet sich an einem solch globalen Ort kaum. Musikerkünstler wie der Sänger Phil Minton oder das Duo „Eisler im Sitzen“ mit dem Sänger und Kurator der Reihe Oliver Augst und dem Free-Jazz-Schlagzeuger Sven-Åke Johansson sind hingegen regional, nicht im Sinne einer Ortsansässigkeit, sondern als Eigentümer einer eigenen Welt, die sie zeitweise öffnen und in der sie einladen, an ihrer Musik und den Geschichten teilzuhaben,für eine Weile Teil einer kleinen, individuellen „Welt“-Kulturgemeinschaft zu werden.