HANDARBEIT IST FRAUENSACHE? NÖ!

‚Häkeln, Stricken, Weben…?
Das ist Frauensache (?)!‘

Textile Arbeiten sind mit dem Klischee behaftet, in weibliche Hände zu gehören. Häkeln und Stricken assoziieren viele mit dem ‚Heimchen am Herd‘ oder der ‚grauen Maus‘. Sind textile Arbeiten also ein Schauplatz des immerwährenden „Geschlechterkampfes“? Schaut man über den europäischen Tellerrand, wird schnell klar, dass diese Stereotypen nicht haltbar sind.

Textiles Wissen ist Macht
In Europa ist das Bild der handarbeitenden Frau seit rund 100 Jahren mit Unterwürfigkeit und Disziplinierung verbunden. Die Frau ist an Haus und Herd gebunden, sorgt sich um die Familie, muss sich emanzipieren. In anderen Kulturen, wie z. B. bei den Tacana in Bolivien fangen die Mädchen schon mit drei Jahren mit Fadenspielen an und erlernen bis zu ihrer Hochzeit das Weben. Das befähigt sie nicht nur, die Familie mit Kleidung zu versorgen. Abgesehen von den positiven Einflüssen textiler Handarbeiten – als Form der Hand-Auge-Kognition – auf die kognitiven Fähigkeiten, erlernen sie zahlreiche textile Muster. Diese sind nichts anderes als codiertes Wissen über die eigene Kultur, deren Umwelt und Entstehung und ihre Mythen. Doch Wissen ist Macht: die Frauen sind Verwalterinnen ihrer eigenen Kulturen. Das zeigt sich auch bei den Minangkabau in Westsumatra, wo durch textile Muster kulturelle Verhaltensregeln notiert werden. In der Weberei geübte Frauen können diese Muster verändern, wie es z. B. bei den Ikat-Weberinnen auf Flores geschieht, die in bestimmte Webstoffe auch Bilder von Fotografen oder anderen aktuellen Motiven einarbeiten. Dayak-Frauen aus Borneo können über die Weberei als „Kriegspfad der Frauen“ hohen Status erlangen, weil sie dadurch in engem Ausstauch mit der Welt der Götter stehen.

Männer bei der Handarbeit?
Unbestreitbar liegen textile Arbeiten meist in Frauenhänden, aber in vielen Kulturen finden sich Beispiel für strickende und webende Männer. Auf der peruanischen Insel Taquile (im Titicacasee) z. B. stricken sowohl Männer als auch Frauen. Die von den Männern gestrickten Mützen geben u. a. Auskunft über ihren Familienstatus. Die Gruppe der Ashanti aus Westafrika ist für die aus Webstreifen zusammengesetzten Kente-Stoffe bekannt, die ausschließlich von Männern gewebt wurden. In vielen westafrikanischen Kulturen weben zwar beide Geschlechter, doch die Frauen sind für Alltagsstoffe zuständig, während die Männer edle Textilien für lokale Herrscher oder zum Verkauf fertigten. Die Weber waren oft „Angestellte“ des Herrschers und es gab ganze Weberfamilien, in denen die Jungen schon früh an diese Kunst herangeführt wurden. Erst in den letzten Jahrzehnten durften auch einige Frauen die Kunst der Schmalbandweberei erlenen. Textil gebundene Geschlechter-Stereotypen sind offensichtlich nicht statisch und sowohl von kulturellen als auch ökonomischen Faktoren abhängig. Ein weiteres Beispiel sind javanische Batikstoffe, die bis in das 19. Jahrhundert von Frauen per Hand ‚beschrieben‘ wurden. Durch die niederländische Kolonialisierung stieg die Nachfrage, es wurden kupferne Batik-Stempel entwickelt und auf Grund des Gewichtes wurden immer mehr Männer in die Kunst des Batik-Drucks eingeführt.

Auch bei uns in Europa sind die textilen Gender-Stereotypen im Wandel, angetrieben vom DIY-Trend selbst zu stricken und zu häkeln. Ein bekanntes Gesicht dieser Bewegung ist das süddeutsche Unternehmen myboshi – gegründet von zwei jungen Männern, die das Häkeln für sich entdeckt haben.