ERST STECHENDER SCHMERZ, DANN STOLZER SCHMUCK

Die Kalinga auf den Philippinen zeigen auf großen Portraits ihre bemalte Haut in der aktuellen Ausstellung GREY IS THE NEW PINK. Ihre Tattoos sind mehr als Kunstwerke am Körper, sie dienen als identitätsstiftendes Symbol, Verschönerung und bleibende Erinnerungen bis über den Tod hinaus.

Tätowierungen sind eine buchstäblich unter die Haut gehende Quelle verkörperter Erinnerung. So lässt sich tätowierte Haut mit einem Tagebuch vergleichen: persönliches Zeugnis und lebenslanges Abbild eines gelebten Lebens. Skarifizierungen und Tätowierungen sind von Madagaskar über den malaiischen Archipel und Neuguinea bis zu den polynesischen Inseln über den gesamten Pazifik verbreitet. von letzteren haben europäischen Seefahrer des 18. Jahrhunderts das Wort ‚tätowieren‘ (engl. tattoo) übernahmen. Das polynesische Wort ‚Tatau‘ bedeutet ‚eine Wunde schlagen‘ und verweist bereits auf die grundlegende Technik.

Der amerikanische Ethnologe und Fotograf Lars Krutak legt in seiner Fotoarbeit den Fokus auf die kulturelle Praxis des Tätowierens und beleuchtet dabei die positiven Zusammenhänge zwischen den ‚Tatau‘und dem Alter(n). Seit Jahrtausenden sind Tätowierungen in der Vorstellung vieler Kulturen Ausdruck des Werdens, des Seins und des Lebens.

In der Porträtreihe „The Last Tattooed Women of  Kalinga dokumentiert der philippinische Künstler Jake Verzosa die schwindende Tattoo-Tradition der Frauen aus der Bergregion der Kalinga. Die 97-jährige Whang-Od ist dort die letzte Tatauiermeisterin (mambabatok). Die kulturelle Praxis des Tätowierens ist für die Kalinga Ausdruck von Schönheit und seit jeher ein starkes Identifikationsmerkmal. Sie sagen, dass ihnen nach ihrem Tod alle Ketten und Schmuckstücke abgenommen werden, die Körperverzierung bleibt aber für die Ewigkeit.

Auch Tatauiergeräte, mit denen das Tatauierhandwerk in Polynesien seit ca. 600 v. Chr. ausgeübt wird, können in der Sammlung bestaunt werden. In Polynesien bestehen sie meist aus einem kammartig gezahnten Knochen, der durch ein aus Schildpatt gefertigtes Plättchen mit einem hölzernen Griff verbunden ist. Mit einem Schlägel klopft der Tatauiermeister den Farbstoff in die Haut. Die Muster bestehen aus Symbolen und verweisen auf die jeweilige Mythologie. Sie reichen oft von der Hüfte bis über die Oberschenkel und bedecken in einigen Kulturen auch den ganzen Körper; in Neuseeland z. B. auch das Gesicht.