Die ‚Sammlung Höllerer‘

Auf den Spuren einer Sammlung aus der Kolonialzeit

In den Beständen des Weltkulturen Museums in Frankfurt a. M. befindet sich eine Sammlung ethnographischer Objekte aus Neuguinea. Diese wurde 1906 angekauft, stammt somit aus den Anfangsjahren des Museums, und zählt zu den ältesten Beständen der Ozeanien-Abteilung. Heute sind noch 95 Inventarnummern aus dieser ‚Sammlung Höllerer‘ erhalten. Sie  stammen aus dem nordöstlichen Teil des heutigen Papua Neuguinea,  das damals als Kaiser Wilhelmsland deutsche Kolonie war. Die Sammlung umfasst viele Alltagsgegenstände, wie Schüsseln, Netztaschen, hölzerne Zierkämme und Schmuckstücke, aber auch verschiedene Steinkeulen und Holzschwerter. Dazu kommt eine große Anzahl von Ritualobjekten: Trauerkleidung, Schwirrhölzer und allerlei Zaubermittel.


Bei der Bombardierung Frankfurts 1944 wurde  auch das Museum mitsamt aller darin verbliebenen Ethnographika – darunter auch 41 Nummern der ‚Sammlung Höllerer’ – und der Sammlungsdokumentation zerstört. Mit dem Verlust der Erwerbsakten gingen so auch  die Informationen über die Geschichte dieser Sammlung beinahe gänzlich verloren. Unter diesen Voraussetzungen war es ungemein schwierig die Provenienz der Sammlung zu rekonstruieren.


In den erhaltenen Dokumenten (Inventarbuch, Inventarkarten) wird der Name des Vorbesitzers aufgeführt: ein Architekt Höllerer – nach dem die Sammlung benannt wurde – hat die Objekte an das Museum verkauft. Wichtiger war ein Hinweis auf den ungenannten Sammler: ein Techniker der Neuendettelsauer Mission habe die Objekte zwischen 1904 und 1905 in der Gegend von Finschhafen gesammelt. Diese Missionsgesellschaft der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern nahm die Missionsarbeit unter den Einheimischen nahe der Stadt Finschhafen auf, nachdem Nordost-Neuguinea 1885 zur Kolonie des deutschen Reiches wurde. Diesem Hinweise folgend, konnte durch eine Recherche im Archiv der Mission, das im Landeskirchenarchiv der Evangelischen Kirche in Nürnberg untergebracht ist, die Identität des Sammlers – Hans Meier – sowie eine Fülle an biographischen Angaben erschlossen werden.


Der Architekt Hans Meier (1876-1955) war von 1904 bis 1911 als Missionstechniker angestellt. Zu seinen Aufgaben gehörten Haus- und Kirchenbau sowie die Anlegung von Wegen und Brücken. Als Landvermesser begleitete er die Missionare auf vielen, oft tagelangen Expeditionen ins unzugängliche Inland wie auf die umliegenden Inseln. Dabei profitierte er von deren umfangreichen ethnographischen Kenntnissen, was Meier ermöglichte eine Vielzahl von Stücken zu sammeln. Auf einigen dieser Objekte sind kleine Etiketten angebracht, auf denen er den Ort, Ethnie und indigenen Name des Sammlungsstückes und häufig eine kurze Beschreibung zur Funktion notierte. Dass sich in der Sammlung Meier zahlreiche Kultgegenstände befinden, erklärt sich vermutlich dadurch, dass Taufkandidaten magische oder rituelle Gegenstände wie Schwirrhölzer als Zeichen ihres Übertritts zum Christentum öffentlich zerstören oder den Missionaren aushändigen mussten.


Da Meier während seiner Anstellung Neuguinea nicht verlassen hatte, musste er wohl einen Vertrauten – den Architekten Höllerer – gebeten haben, die Sammlung in Deutschland für ihn zu verkaufen. Meier hatte wohl nach verschiedenen Möglichkeiten gesucht, über Nebeneinkünfte sein Salär aufzubessern. Neben der Sammlung in Frankfurt verkaufte er nach seiner Rückkehr nach Deutschland eine ähnlich umfangreiche Sammlung an die Naturhistorische Gesellschaft in Nürnberg. Auch hatte er versucht, Fotografien als Postkartenmotive zu verkaufen, was ihm aber von der Missionsleitung untersagt wurde.

Schließlich gab es noch eine ganz unerwartete Entdeckung: Im Archiv in Nürnberg fand sich ein Vermerk über eine Adresse Meiers in Passau aus dem Jahr 1952. Eine Anfrage im Melderegister des Stadtarchivs, um das Todesdatum herzauszufinden, förderte zutage, dass Meier dort als ‚geographischer Schriftsteller’ unter dem Pseudonym Hermann Rönninger bekannt war und dessen literarischer Nachlass – zusammen mit Fotos aus Neuguinea – im Stadtarchiv liegt. In den 1920er Jahren hatte Hans Meier unter dem Pseudonym  Hermann Rönninger eine Reihe von Abenteuererzählungen, vornehmlich in den Groschenheften der Reihen Jambo und Amboß veröffentlicht und auch einen ‚autobiographischen’ Roman („Aus der Wildnis Neuguineas“, 1925) verfasst. In diesen Schriften gab Meier vor, über seine Erlebnisse in Neuguinea zu berichten, wobei sich aber Wirklichkeit und Fiktion vermischten. Meier nannte sich sogar später selbst Meier-Rönniger und dichtete sich somit eine Art ‚Old Shatterhand-Legende‘ an: Er wurde zum Kolonialpionier, Goldsucher, Großwildjäger und Plantagenbesitzer, der durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges all seine Habe verlor.


Durch die Rekonstruktion der Provenienz dieser ethnographischen Sammlung eröffnet sich uns ein faszinierender Blick auf das Neuguinea des frühen 20. Jahrhunderts, die Missionsgeschichte während der deutschen Kolonialzeit und in der Biographie Hans Meiers auch beispielhaft auf einen kolonialen Akteur dieser Epoche. Die Sammlung selbst wird wieder zum Zeugen dieser Geschichte.


Matthias Claudius Hofmann,

Weltkulturen Museum