DAS KROKODIL ALS SCHÖPFERWESEN

20.05.2020

Ozeanien-Kustode Matthias Claudius Hofmann über einen Schöpfungsmythos aus dem Sepik

Das Stromgebiet des Sepik im Nordosten der Insel Neuguinea ist eines der größten Flusssysteme der Welt. Es handelt sich außerdem um eine der bedeutensten Stilregionen künstlerischen Schaffens in Neuguinea. Im Zentrum stehen hier aus dem Schöpfungsmythos entlehnte Motive – insbesondere der Weltenschöpfer in Gestalt eines gewaltigen Krokodils. Dem Mythos zufolge bestand die Welt in der Vorzeit aus einem grenzenlosen Ozean. Das Urkrokodil trug Schlamm vom Grunde des Meeres auf seinem Rücken an die Oberfläche und formte daraus das erste Land. Nachdem seinem weitaufgerissenen Rachen die Sonne entstiegen war, schuf es Menschen und Tiere, die bis heute das Land auf seinem Rücken bewohnen.    

Krokodildarstellung
Aufgrund seiner Bedeutung als mythisches Schöpferwesen und Klangeist erscheint das Krokodil sehr häufig als Darstellung an Hausteilen, Booten, Schilden, als Trommelgriff, in Masken und als Kultgegenstand. Wie z. B. in dieser Darstellung des Urkrokodils, aus Holz, übermodelliert mit Tonerde, mit Nassaschnecken und Federschmuckapplikationen versehen sowie mit einer Fellumwicklung am Schwanz.

Mythos heute
Auch heute ist das mythische Krokodil für die Menschen im Sepik Gebiet noch sehr präsent: Die jährlichen Überschwemmungen, wenn der Fluss anschwillt, über die Ufer tritt und das Land bis zum Horizont von Wasser bedeckt ist, scheinen die Welt wieder in die Urzeit zurückzuversetzen. Und die häufigen Erdbeben gemahnen die Menschen an die Schöpfungsgeschichte: Bewegt sich das Krokodil, so erbebt die Erde.


Krokodildarstellung. Sepik-Gebiet, Neuguinea. Holz, Tonerde, Nassa- und Kaurischnecken Federn und Fell. Erworben vermutlich 1961 während der ersten Frobenius Expedition nach Neuguinea von Eike Haberland und Meinhard Schuster. Sammlung Weltkulturen Museum. Foto: Wolfgang Günzel, 2020