WENN DIE WÄNDE WACKELN

Museumsarbeit ist facettenreich, nur ein kleiner Teil wird in Ausstellungen für die Öffentlichkeit sichtbar. Viele unserer Kapazitäten fließen in die Pflege und den Erhalt der ethnologischen Sammlung mit Stücken aus unterschiedlichsten Materialien und Zeiten. Jedes Objekt muss archiviert, kontextualisiert, untersucht, manchmal restauriert, sicher und wiederauffindbar verwahrt werden. Kustoden*innen, Restauratorinnen, die Verwaltung und die Haustechniker: Alle sind an diesem Prozess beteiligt. Ein Großteil dieser Arbeiten findet in unserem Magazin in der Frankfurter Borsigallee statt. Mehr als 65.000 Objekte lagern hier.

Deren Unterbringung wurde in den letzten Tagen auf die Probe gestellt. Denn die Borsigallee wird ein Teil des Großbauprojektes Riederwaldtunnel im Osten Frankfurts sein. Hier soll ein Verbindungstunnel zwischen zwei Autobahnen entstehen, inklusive neuem Dreieck und einer Anschlussstelle. Zur Sicherung der Baustelle müssen Spundbohlen tief in den Untergrund gepresst und nach Beendigung der Bauarbeiten auch wieder herausgeholt werden. Hessenmobil führte dazu probeweise Ein- und Auspressungen durch. Vibrationsmessungen in unserem Magazin sollten dabei klären, wie stark sich das so verursachte Rammen und Pressen auf die empfindlichen Sammlungsobjekte auswirkt.

Die offizielle Auswertung steht noch aus, doch Restauratorin Kristina Werner hat bereits erste kritische Objekte identifiziert: Durch die Vibration haben einige Hauben aus Südostasien Pigmente verloren, sie müssen nun im Magazin notgesichert werden. Die stärkeren Pressarbeiten versetzten auch viele Keramikgefäße in Vibration. Noch ist unklar, ab wann solche Einwirkungen zu Sprüngen führen. Ob in Regalen und Schänken noch andere Objekte in Mitleidenschaft gezogen wurden, finden die Restauratorinnen nun nach und nach heraus.

Andere Sicherheitsfragen werfen Ausstellungen selbst auf. Da sind die externen Faktoren: unachtsame Besucher*innen, Raub, Einbruch. Wie die Objekte vor Diebstahl geschützt und gleichzeitig für die Öffentlichkeit sichtbar sein können, ist eine drängende Frage, deren Beantwortung nicht zuletzt an finanzielle Mittel geknüpft ist. Die kriminelle Szene auszusperren ist teuer. Eine Sicherheitstagung des Deutschen Museumsbundes widmet sich diesem Thema Mitte März, im Anschluss werden Sicherheitsempfehlungen formuliert. Wir sind gespannt, wie sich diese in unserer denkmalgeschützten Ausstellungsvilla umsetzen lassen.

Damit sind wir bei den internen Faktoren, den Ausstellungsräumen selbst. Bei abrupten Feuchtigkeitsveränderungen fängt besonders Holz an zu arbeiten. Schnitzwerke wie z.B. Masken und Figuren können dann Risse bekommen. Schon normales Tageslicht bringt Naturfarben zum Ausbleichen, wenn sie ihm beständig ausgesetzt sind. Idealerweise sind daher Ausstellungsflächen stufenweise verdunkelbar und gleichbleibend temperiert, um so eine möglichst konstante Luftfeuchtigkeit zu gewährleisten. Beides ist in den Ausstellungsräumen des Weltkulturen Museums nicht gegeben, Schutz und Sichtbarmachung der Sammlungsstücke müssen so gegeneinander abgewogen werden. Manche Leihgaben schaffen es deshalb gar nicht erst ins Weltkulturen Museum.

Wie tragisch der Verlust einer Sammlung ist, zeigt der Großbrand des brasilianischen Nationalmuseums in Rio de Janeiro im September 2018. Mehr als drei Viertel der historischen Sammlungen wurden zerstört. Ein immenser Schaden und ein Verlust an kulturellem Erbe von unschätzbarem Wert. Die deutsche Bundesregierung bot Brasilien sofort Unterstützung an, doch die Herausforderung ist zu komplex, um allein von Brasilien und Deutschland getragen zu werden. Mit einem offenen Brief treten wir gemeinsam mit führenden deutschen Museen und Sammlungsinstitutionen aus der Kultur- und Naturgeschichte sowie mit den beiden wichtigsten deutschen Museumsverbänden für eine internationale Initiative zur Unterstützung des Wiederaufbaus und Wiederherstellung ein. Eine entsprechende Konferenz findet vom 5.-7. Oktober 2020 in Rio de Janeiro statt (und nicht im September, wie im offenen Brief genannt).