Provenienzforschung zu den Jahren 1933 bis 1945
Im Rahmen eines Forschungsprojekts im Jahr 2002 verfasste der Ethnologe und Historiker Hans Voges einen Bericht über die Frankfurter Völkerkunde in den Jahren 1933 bis 1945. Darin werden unter anderem die damaligen Mitarbeiter:innen des Museums und ihre Haltungen zur Nazi-Ideologie kritisch untersucht. Die Einnahmen und Ausgaben des damaligen Völkermuseums zwischen 1933-1944 wurden mit vorherigen Jahrzehnten ins Verhältnis gesetzt und die Rolle der verschiedenen städtischen Museen verglichen. Ziel war es, die Entwicklung der Museumspraxis im Nationalsozialismus nachvollziehbar zu machen und Muster der Einflussnahme zu erkennen .
Ein besonderer Schwerpunkt der Recherchen lag auf Ankäufen, die in den von Deutschland besetzten Gebieten in Frankreich, Belgien und den Niederlanden getätigt wurden. Zwischen 1941 und 1943 reisten Mitarbeiter:innen des Museums im Auftrag der Stadt Frankfurt in die europäischen Nachbarländer. Mit einem Sonderetat wurden über 1000 Kulturgüter im Kunsthandel zu günstigen Konditionen erworben. Der Transport der Objekte nach Frankfurt wurde dabei in vielen Fällen durch die Wehrmacht unterstützt. Diese Ankaufspraxis wirft aus heutiger Perspektive rechtliche und moralische Fragen auf – möglicherweise wurden Notlagen ausgenutzt, Kunsthändler:innen unter Druck gesetzt, und jüdische Vorbesitzer:innen enteignet. Nach dem Krieg wurden diese Ankäufe von der amerikanischen Übergangsregierung als „widerrechtlich“ eingestuft. 1947 übergab das Museum deshalb 37 Objekte an eine Sammelstelle in Wiesbaden, damit sie an Frankreich, die Niederlande und Belgien zurückgegeben werden konnten. Alle anderen im Ausland gekauften Objekte seien im Krieg beschädigt worden oder verloren gegangen – so die Angabe des Museums im Jahr 1947.
Heute lässt sich jedoch belegen, dass sich noch 384 Objekte aus diesem Bestand in den Sammlungen des Weltkulturen Museums befinden – darunter auch Stücke aus der Sammlung Maurice de Rothschild, eines französischen jüdischen Politikers. Gemeinsam mit internationalen Partner:innen entwickelt das Weltkulturen Museum derzeit ein Forschungsprojekt zu diesem Themenkomplex. Es soll auf den Erkenntnissen von Hans Voges aufbauen und die noch vorhandenen Objekte aus den beschriebenen Auslandseinkäufen und ihre komplexe Provenienz beleuchten. Zusätzlich soll das gesamte Spektrum der Museumsaktivitäten im Zeitraum 1933 bis1945 auf Unrechtskontexte überprüft werden.
