FSJ-Projekt „Montags im Museum“

Mit dieser Serie wollen unsere FSJler, Aiden und Rosa, Ihnen zeigen, wer eigentlich hinter dem Museum steckt.


Interview mit Arno Holl, wissenschaftlicher Volontär, seit 2017 am Weltkulturen Museum

Wieso hast du dir dieses Objekt für dein Foto ausgesucht?

Das Käsebrot hat den großen Vorteil, dass es nahrhaft und gesund ist, man dafür nichts kochen und nichts warm machen muss und weder Besteck noch Teller braucht. Eine „win-win-win-Situation“.

Du hast an der Philipps-Universität in Marburg studiert.Was macht die Uni in deinen Augen besonders?

Was sie wirklich besonders macht, ist das die Zeit dort seit 50 Jahren – seit Ulrike Meinhoff dort studiert hat – eingefroren ist. Die Fakultät für Philosophie und Geisteswissenschaften ist ein ganz besonderer Bau in bester stalinistischer Novosibirsk-Tradition, verschiedene Räume sind einsturzgefährdet, stehen aber unter Denkmalschutz und dürfen nicht abgerissen werden. Ich hatte das Glück meistens im Ethnologen-Institut studieren zu dürfen, das damals noch in einem ehemaligen Kloster untergebracht war, welches dann aber irgendwann auch einsturzgefährdet war. Ansonsten sind es fast mehr die Studenten an denen man dann merkt wie sehr die Zeit eingefroren ist, weil du dir wirklich wie im Jahr 1969 vorkommst. Du kommst in einen Seminarraum rein, dort sitzt die Dozentin mit einem bunten Kopftuch, neben ihr in der Hocke auf dem Tisch ein Nebenfachler aus der Soziologie mit einem riesigen Wust an Dreads und unterm Tisch krabbeln Hunde und Babys herum. Das Flair ist ganz speziell – da gibt es noch richtige Hippiekommunen und innerhalb der Uni kommunistische Parteien. Ich kenne tatsächlich auch Frauen, die auf der Straße von anderen Frauen teilweise tätlich angefeindet wurden, weil sie entweder hohe Schuhe anhatten oder geschminkt waren – das ist verpönt. Auch der Feminismus ist dort eingefroren und hat sich seit Alice Schwarzer nicht weiterentwickelt.

Warum hast du dich auf Südamerika spezialisiert?

Einerseits hat mich das schon als Jugendlicher sehr interessiert, ich hab meine Bildbände über die Yanomami verschlungen und irgendwann ist das in meinem Bewusstsein versickert. Dann kam die Einberufung zur Bundeswehr und ich habe mitgekriegt, dass man seinen Zivildienst im Ausland machen kann. Ein dreiviertel Jahr hatte ich dann Zeit mir eine Stelle zu suchen, was nicht einfach war. Ich hab überall gesucht, wo man mit Englisch durchkommt, aber es hat alles nicht geklappt. Man brauchte immer entweder eine abgeschlossene Mechaniker Ausbildung, ein brennendes Herz für Jesus oder musste 2000€ im Monat zahlen, damit man für die Leute arbeiten darf. Durch Zufall bin ich über einen Bekannten an eine Organisation in Brasilien gekommen. Also bin ich ins kalte Wasser gesprungen – ich hatte immer schon Lust Portugiesisch zu lernen, was ich dann auf die harte Tour auch gemacht habe.

 

 

 

Interview mit Margit Zimmler, Veranstaltungsmanagement, seit 2007 am Weltkulturen Museum

Wieso hast du dir diese Objekte für dein Foto ausgesucht?

Der Kalender ist klar, den benötige ich für meine Arbeit, weil vieles bei Buchungen vom Kalender abhängig ist. Für Veranstaltungen muss ich immer Termine finden, die nicht mit anderen Dingen im Kalender kollidieren. Bildschirmarbeitsplatzbrille – oder wie auch immer sie heißt – hab ich irgendwann mal benötigt, weil meine Gleitsichtbrille mit zunehmenden Alter dann auch nicht mehr den Bildschirm abdecken konnte und ich Nackenschmerzen bekommen hatte. Das Handy brauche ich natürlich bei Veranstaltungen, um kurz einen Kollegen oder andere Künstler und Vortragende zu erreichen. Diese drei Dinge sind für mich also essentiell.

Was war dein kuriosestes Erlebnis auf einer Veranstaltung des Museums?

Bei diversen Ausstellungseröffnungen vor ein paar Jahren hatten wir recht häufig das Phänomen, dass Besucher gekommen sind, um sich das bereitgestellte Catering für zuhause in ihre Handtaschen oder unter anderem auch in verschiedenste Discountertüten zu packen. Dort standen sie dann meistens vor der Küchentür und griffen beidhändig zu, wenn die Servicekräfte mit einem Tablett in der Hand herauskamen. Das war schon recht kurios.

Du bist ja jetzt hier am Museum für die Veranstaltungen zuständig. Warst du denn schon immer diejenige, die die Dinge in die Hand genommen und dann organisiert hat?

Eigentlich nicht. Das hat sich so im Laufe der Zeit ergeben. Einmal einfach aus den Anforderungen und dem Profil was rund um eine Veranstaltung organisiert werden muss. Das mache ich natürlich nicht alleine, sondern in der Zusammenarbeit mit den KollegInnen, KustodInnen, der Verwaltung oder auch mit Thomas Weiser (Anm. der Redaktion: Zuständig für die Haustechnik am Museum). Menschen an Dinge zu erinnern, dafür zu sorgen, dass die Künstler rechtzeitig ans Museum gebracht werden oder andere Sachen organisieren, die eben für eine Veranstaltung anfallen – genau so wächst man ins Organisieren rein – egal ob privat oder beruflich.

 

 

 

Interview mit Sascha Svoboda, Haustechnik, seit 2014 am Museum

Wieso hast du dir diese Objekte für dein Foto ausgesucht?

Ich habe mir das Handy ausgesucht, weil es mein Hauptarbeitswerkzeug ist. Ich bewege mich ständig auf dem Gelände und bin so trotzdem immer erreichbar. Wenn es Tage gibt, die nicht so gut laufen, habe ich Harry meinen Goblin und der heitert mich dann auf. Manchmal ist es alles gar nicht so schlimm wenn man sich den Harry anguckt. Und um das Ganze körperlich noch zu unterstützen, habe ich meine Vitamin C Tabletten. Ich versuche mich gesund zu ernähren, einfach für ein besseres Gefühl. Außerdem hatte ich bei Amazon ein bisschen falsch geklickt und muss die jetzt alle aufbrauchen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag am Museum für dich aus?

Der Tag fängt eigentlich immer morgens im Park an, weil ich den ein wenig aufräumen muss von der Nacht davor. Meine nächste Aufgabe ist es in den Ausstellungen nach dem Rechten sehen. Wir machen die Vitrinen sauber, füllen Toilettenpapier und Seife auf, gucken ob alles hängt und nichts kaputt ist, ob wir die Objekte abstauben müssen und so weiter. An manchen Tagen messen wir auch das Klima in der Ausstellung. Daraufhin gehen wir in die Verwaltung, wenn irgendetwas anliegt oder ansteht, was meistens der Fall ist. Sei es etwas zu transportieren, oder dass eine kleinere Reparatur notwendig ist, oder etwas aufzuräumen, wegzuräumen oder zu entsorgen ist. Oder eben auch Objekttransporte in die Magazine und dann ist eigentlich meistens so ein Tag auch schon vorüber.

Es ist halt immer irgendetwas, davon dass die Alarmanlage spinnt, eine Tür nicht mehr aufgeht, bis Getränke holen und weiteres. Das sind die Sachen die eigentlich täglich anstehen. Dann gibt es immer noch so ein paar Spezialaufträge, wie zum Beispiel gerade heute der Auftrag mit den Bildern, was auch wieder ein Objekttransport war. Die Hälfte der Zeit bin ich hier und die andere Hälfte der Zeit fahre ich ungefähr.

Was hast du bis jetzt als schönsten Moment am Haus für dich wahrgenommen?

Es gibt viele schöne Momente und viele coole Sachen und ich weiß gar nicht, ob es der beste bis jetzt war, aber der ist mir relativ schnell eingefallen. Als hier eine Delegation von Aborigines war, um sich heilige Objekte im Magazin anzusehen, die auch zum Beispiel keine Frau sehen darf, brauchten sie männliche Unterstützung. Das war sehr lustig, weil da so ein australischer Gruppenleiter war. Ich glaube das war das Land Council  oder so etwas. Er kümmert sich um die Belange der Aborigines. Wann habe ich schonmal etwas mit Aborigines und Medizinmännern zu tun oder einem Crocodile Dundee, so einem Indiana Jones Typen mit Cowboy Hut?

Du hast da Objekte und kannst auch wirklich bei jemandem nachfragen, für was die benutzt wurden und manchmal sollten beispielsweise mit dem Objekt Dämonen verjagt werden, was dann sehr beeindruckend war. Da waren auf der anderen Seite auch so Situationen dabei, dass ein Kartoffelgraber herausgeholt wurde und gefragt wurde, wofür der denn benutzt werde. Selbstverständlich zum Kartoffelgraben, war dann die Antwort.

Die Krönung davon war, dass ich einen Fehlalarm ausgelöst habe und dann das Überfallkommando von der Polizei kam. Am Ende wollten die Aborigines dann sogar ein Selfie mit der Polizei machen. Es ist also zum Glück alles glimpflich ausgegangen.

 

 

 

Interview mit Kristina Werner und Mareike Mehlis, Restaurierung

Wieso habt ihr euch für diese Objekte für das Foto entschieden?

Kristina: „Weil es die Objekte sind mit denen wir und eigentlich fast jeder Restaurator am meisten zu tun haben.“

Mareike: „Die Kamera zum Beispiel ist immer wichtig, da wir beim Restaurieren alles fotografisch festhalten: u.a. den Vorzustand, den Zwischenzustand und den Nachzustand.

K.: „Und zusätzlich wenn Leihgaben kommen, die wir dann protokollieren. Die weiteren Materialien sind die, die viele Restauratoren regelmäßig verwenden. Hasenleim zum Beispiel ist in der Holz- und Möbelrestaurierung ein weit verbreiteter Klebstoff.“

M.: „Und Paraloid ist der „Allerweltsklebstoff“, der stabilste, den es in der Restaurierung gibt. Er ist auch der, der wirklich alles klebt. Das Wattestäbchen ist eigentlich immer mit bei den verschiedenen Sachen dabei, die wir testen. Entweder das Wattestäbchen oder der Pinsel.“

K.: „Der Pinsel ist auch das Werkzeug mit dem man am meisten Klebstoffe aufträgt, oder aber auch Retuschen und natürlich auch Reinigungen macht.“

Welche Art Objekte machen euch am meisten Spaß zu restaurieren?

M.: „Ich hab mich in meinem Studium sehr gerne mit Leder beschäftigt, aber das haben wir hier gar nicht so viel, weil das meiste als Dauerleihgabe am Deutschen Ledermuseum in Offenbach ist. Hier finde ich Kombinationsobjekte, mit verschiedenen Materialien, sehr spannend. Vor allem wenn sie so kombiniert sind, dass man, je näher man hinguckt und sich damit beschäftigt, immer neue Dinge daran entdeckt. Beispielsweise neue Materialien, oder eben Herstellungstechniken oder Schäden. Vieles sieht man auf den ersten Blick nicht und das fasziniert mich. Wenn man sich ein Objekt in die Werkstatt holt, anfängt zu untersuchen und dann immer mehr Dinge entdeckt, die man vorher auf den ersten Blick gar nicht gesehen hat – das hat für mich einen wahnsinnig großen Reiz.“ 

K.: „Das kann ich nur unterschreiben. Ich wollte mich damals auf ethnologische Objekte spezialisieren, weil sie oft etwas mit ungewöhnlichen Materialkombinationen zu tun haben, bei denen man erst einmal Recherchearbeit leisten muss und für die man auch nicht immer eine gängige Lösung hat.Ich liebe diese Herausforderung. Ansonsten mag ich grundsätzlich das Material Holz sehr gerne, weshalb es auch mein Schwerpunkt im Studium war. Und ich empfinde es auch immer noch als ein sehr schönes Material, weil es auch hier eine große Vielfalt gibt. Man hat zum Beispiel das massive Holz, Baumrinde oder Rindenbast und obwohl das alles seinen Ursprung am Baum hat, sind es dennoch komplett unterschiedliche Materialien, die auch von der Bearbeitung her ganz verschiedene Herangehensweisen erfordern.“

Welches Objekt war bisher für euch die größte Herausforderung und warum?

K.: „Meine größte Herausforderung war während des Studiums. Dort hatten wir eine fünfteilige Sitzgruppe in unserem Jahrgang, welche monochrom rot gefasst war. Es war eine moderne Lackarbeit und es hatte riesengroße Fehlstellen, die dann geschlossen werden sollten. Bei einfarbigen Objekten, an denen fünf verschiedene Leute mit fünf verschiedenen Paar Händen daran arbeiten, ist es eine riesige Herausforderung das gleichmäßig hinzukriegen. Da mussten wir ganz schön knifflig herumtesten, um es zu restaurieren und die Fehlstellen zu schließen.“

M.: „Ich denke zurück an die Rindenbast-Ausstellung (And The Beat Goes On), wo wir ein riesiges Objekt hatten. Es war ungefähr 2,50 mal 4 Meter groß, ein Rindenbaststoff, der einfach aufgrund seiner Größe herausfordernd war. Zum einen hatten wir hier in der Werkstatt eigentlich gar nicht den Platz dafür, sodass wir in das Labor auswandern mussten. Zum anderen ist es ein relativ schweres Objekt. Da war die Herausforderung, dass wir das Objekt mit Magneten an der Wand befestigen wollten. Allerdings hatte es direkt an der oberen Kante und einer Ecke, die das gesamte Gewicht tragen mussten, einige Wasserschäden, die die Stabilität des Materials stark geschwächt hatten. Wir haben dann viel mit Japanpapier und festerem Polyester-Fleece gearbeitet um die geschädigten Bereich zu stabilisieren. Zum Glück hat es dann am Ende auch geklappt.“

Wie geht ihr vor wenn ein neues Objekt angeleifert wird und was sind eure ersten Schritte bei einer neuen Restaurierung?

M.: „Es kommt darauf an. Angeliefert wäre für uns, wenn wir eine Schenkung bekommen oder ein neu erworbenes Objekt. Das Objekt wird bei uns eigentlich immer, wenn es organisches Material ist – wenn Federn dran sind, Wolle dran ist, es Holz oder Textil und nicht zu groß ist – erst einmal für zehn Tage eingefroren. Das wird gemacht, damit wir nicht von draußen Schädlinge in das Depot einschleppen. Und dann wird es bearbeitet, wenn es Bedarf hat. Aber die meisten Schenkungen kann man einfach direkt danach in das Depot bringen.                                                          Bei Restaurierungen ist es so, dass wir es nicht direkt angeliefert bekommen, sondern es eigentlich selber erst einmal im Depot verpacken und dann von unseren Haustechnikern transportieren lassen. Daraufhin kommt es dann in die Werkstatt. Im Prinzip ist es eigentlich immer der gleiche Ablauf, erstmal Vorzustandsfotografien, dann die Objektbeschreibung, die Zustandsuntersuchung…“

K.: „- Zustandsaufnahme, eventuell auch Kartierung, also dass man die Schäden auf einem Foto des Objekts markiert, digital oder per Hand.“

M.: „Dann kommt die Konzeptentwicklung und Entwicklung von Ideen inklusive Testreihen, also Tests an Dummies, vor der eigentlichen Restaurierung. Dann die wirkliche Restaurierung mit Reinigung, welche meistens der größte Teil der Arbeit ist. Eine Reinigung benötigt fast jedes Objekt und wenn man nur wenig Zeit hat, ist die Reinigung auch das, was man am ehesten macht.  Dann kommen wieder Fotos, manchmal gibt es auch Zwischenfotos und dann am Ende die Fotos des Endzustands.“

K.: „Das wird dann alles in eine digitale Dokumentation gepackt und  in die Datenbank verlinkt. Das ist ein riesiger Aufwand und frisst unglaublich viel Zeit.“      

M.: „Die Hälfte der Zeit beansprucht wirklich die Dokumentation und dann das Ganze zum Schluss in die Datenbank einzutragen. Früher wurde das alles mit Karteikarten gemacht, da ging es sehr viel schneller, aber dafür wurden viele Informationen weggelassen, die man heute eigentlich auch benötigen könnte. Meistens ist es mit nur einem Foto dokumentiert und dann wird nur erklärt was gemacht wurde und mit welchem Material. Der Zustand wird, wenn man Glück hat, auch beschrieben, meistens aber nicht. Die ganzen Informationen, wenn man die Dokumentation richtig und ausführlich macht, sind eine riesige Hilfestellung für die zukünftige Arbeit an den Objekten. “

 

 

 

 

Interview mit Vanessa von Gliszczynski, Kustodin für Südostasien, seit 2011 am Weltkulturen Museum

Warum hast du diese beiden Objekte ausgesucht?

Den Schal, den ich heute anhabe und der auf dem Foto zu sehen ist, habe ich in Jakarta in Indonesien in einem „nationalen Batikzentrum“ gekauft. Das zweite Objekt ist mein MP3-Player, weil ich immer auf dem Weg zur Arbeit Musik höre. Manchmal auch zwischendurch, wenn ich zum Beispiel Datensätze bearbeite, dann finde ich es ganz angenehm dabei meine Musik hören zu können.

Könntest du spontan drei deiner Lieblingskünstler benennen?

Als Teenager war „Fettes Brot“ sehr wichtig für mich. Deutschen Hip Hop höre ich auch jetzt noch gerne. Dann „Sheila on 7“, eine indonesische akustische Band, die es auch schon seit 1996 gibt. Ich war bei einem ihrer Konzerte gewesen, war begeistert und dann habe ich mir so sukzessive alle Alben gekauft. Aktuell höre ich auch noch sehr gerne Mark Forster.

Man merkt ja, dass Musik sehr wichtig für dich ist. War Musikethnologin schon immer dein Berufswunsch?

Ich wollte eigentlich schon immer etwas mit Musik machen. Ursprünglich hatte ich mir mal überlegt, dass ich Musik- und Mathelehrerin werde, weil ich ziemlich gut in Mathe bin. Letztlich habe ich mich aber dagegen entschieden, weil ich es mir als ziemlich unangenehm vorgestellt habe, 30 Jahre lang Mathe zu unterrichten. Stattdessen entschied ich mich für Musikethnologie, also die Musik anderer Kulturen. Im Musikwissenschaftenstudium habe ich damals Gamelan, also traditionelle Musik aus Indonesien, gelernt. So bin ich auf diesen Zug aufgestiegen und das führte mich dann nach Indonesien - also über die Musik zur Ethnologie.

Du hast ja gerade schon einmal bemerkt, dass du bereits in Indonesien gelebt hast. Momentan lebst du in Deutschland, du kommst ursprünglich aus Deutschland – in welchem Land würdest du am liebsten leben?

Also nach dreieinhalb Jahren in Indonesien würde ich tatsächlich sagen, dass ich mich mittlerweile in Deutschland wohler fühle, auch aufgrund der sozialen und gesundheitlichen Absicherung. Das weiß ich sehr zu schätzen. Auch die Bildung hier ist deutlich vielseitiger. Wenn es ein Modell geben würde, dass man ein halbes Jahr hier und ein halbes Jahr in Indonesien leben könnte, dann würde ich das machen. Es ist auch spätestens an dem Punkt, wo man Familie hat, schwierig. Deshalb bin ich zu der Entscheidung gekommen, dass für mich Deutschland mein Wohlfühlland ist.

 

 

 

Interview mit Maria Reith-Deigert, Bibliothekarin, seit 2011 am Weltkulturen Museum

Wieso haben Sie sich diese Objekte für ihr Bild ausgesucht?

Der rote Beutel ist etwas, das der Regionalrat Frankfurt herausgibt. Mein Mann ist dort aktiv und ich halte die Arbeit des Regionalrats gerade in problematischen Stadtteilen, sogenannten sozialen Brennpunkten, für ausgesprochen wichtig. Außerdem sind die Beutel sehr haltbar und extrem praktisch. Die grüne Dose enthält meinen täglichen Obstvorrat, den ich mir jeden Tag ins Museum mitbringe, und dann habe ich natürlich immer noch ein Buch dabei, denn ich reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln an und habe da eine gewisse Anfahrt. Ich weiß nicht, wie viele Bücher ich schon auf dem Weg von und zur Arbeit gelesen habe und dieses ist das, was ich gerade aktuell lese.

Das kann ich sehr gut verstehen, da geht’s mir ähnlich.

Es gibt ja Leute, die können das gerade nicht. Die sagen, dass sie sich da nicht konzentrieren können wegen der vielen Menschen und Nebengeräusche, aber ich habe damit kein Problem. Auch wenn ich im Bus rückwärts sitze, kann ich lesen. Gott sei Dank, ja!

Könnte man also sagen, dass Bücher Ihre Passion sind?

Ja, ich würde sagen, dass Bücher eine Passion sind, aber eben nicht die einzige. Meine mindestens gleichwertige Leidenschaft ist auf jeden Fall der Film – ich versuche mindestens einmal die Woche ins Kino zu gehen, was ich leider nicht immer schaffe. Meine eigentlich größte Passion ist aber die Kunst, denn ich habe Kunstgeschichte studiert und das ist das, was mich am allermeisten begeistert – noch vor den Büchern.

Haben Sie hier in der Bibliothek ein Lieblingsbuch?

Das ist natürlich sehr schwierig, da man hier eigentlich tausende Lieblingsbücher haben müsste. Was mir im Augenblick gut gefällt, das steht da hinten im Regal, das ist der Katalog der Maria Sibylla Merian-Ausstellung, die im Städel zu sehen war. Ich empfinde Maria Sibylla Merian als eine sehr faszinierende Frau und da gehört für mich dann auch dazu, dass ich nicht nur diesen Katalog auch wirklich gelesen habe sondern auch eine sehr schöne Biografie über sie. Das ist sozusagen mein derzeitiges oder eines meiner derzeitigen Lieblingsbücher, was sich aber mit der nächsten Lieferung vom Buchhändler schnell ändern kann.

Wie häufig sind denn diese Lieferungen?

Wir erhalten so alle zwei Wochen eine Lieferung – es kommt immer ein bisschen darauf an, wie viele Bestellungen wir gerade haben und wie viel Geld noch zur Verfügung steht. Jetzt gerade hat sich ein bisschen was aufgestaut, weil im letzten Jahr der Etat irgendwann aufgebraucht war. Das heißt, wir bestellen im Augenblick gerade wieder relativ viel. Irgendwann wird es dann spärlicher werden. Es kommt auch immer darauf an, aus welchem Land wir die Bücher bestellen, einfach wegen der Logistik.

 

 

 

Interview mit Phyllis Kiehl, freie Mitarbeiterin, seit 2010 am Weltkulturen Museum

Warum hast du dir diese Objekte für dein Bild ausgesucht?

Die Rose, die mir eine Teilnehmerin nach Abschluss eines Workshops aus einer Serviette gefaltet hat, steht für den Respekt, den wir alle einander entgegenbringen. Das Klebeband ist ein Symbol für den Willen aller Beteiligten, umherstreifende Gedanken, Ideen und Befindlichkeiten einzufangen und zu Texten zusammenzufügen. Viel mehr braucht es eigentlich nicht für einen gelingenden Workshop!

Welche Workshops bietest du an?

Eigentlich alles, was mit Schreiben und einem erweiterten Begriff von Schreiben zu tun hat. In diesem Jahr arbeite ich mit den Joblingen an „Text und Theater“: Ich mache mit ihnen ein kreatives Schreibtraining, bei diesem speziellen Kursangebot aber mit dem Ziel, Texte zu verfassen, die für die Bühne geeignet sind. Klassisches kreatives Schreiben biete ich ebenfalls an – dazu aber viele Workshops, die konzeptuell ausgerichtet sind, weil sie sich auf Ausstellungen oder Projektzusammenhänge beziehen. Für „Grey is the new Pink“ haben wir beispielsweise Schreib-Workshops zum Thema „Alter“ entwickelt.
Ich kombiniere den Schreibprozess auch gerne mit visuellen Elementen – schließlich komme ich aus der bildenden Kunst. Vor kurzem habe ich auf Initiative der Faust-Kultur-Stiftung einen Graphic Novel – Workshop abgehalten, bei dem autobiographisches Schreiben mit Zeichnung kombiniert wurde. Gerade für Leute, die in der deutschen Sprache noch nicht so firm sind, ist diese Text & Bild – Methode eine gute Möglichkeit, sich dem Schreiben unbefangen nähern zu können.

Was ist die größte Herausforderung bei der Durchführung eines Workshops und was macht am meisten Spaß?

Könnte ich bitte drei Stunden haben, um darüber zu reden? ; )
Was die größte Herausforderung ist…? Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern als motivierende Figur zu begegnen und einen guten Start hinzulegen. Jeder Kurs steht und fällt mit der Person, die ihn anbietet - und der Atmosphäre, die man in einem Raum schaffen kann.
Das ist zwar nicht nur von der „Navigatorin“ abhängig, aber diese „macht“ sozusagen das erste Bild, das erste Gefühl und die erste Dynamik. Man lernt erst mit vielen Jahren Erfahrung, die Signale einer Gruppe von Beginn an richtig zu deuten. Das kann auch heißen, die Vorbereitung über Bord zu werfen und anders zu beginnen, weil man gespürt hat, dass die Gruppe etwas Bestimmtes braucht.
Eine Herausforderung. Gleichzeitig aber auch das, was mir am meisten Spaß macht. Jede Gruppe und jeder Kurs ist eine Schatzsuche für mich - und ich gehe immer davon aus, dass alle Schätze geborgen werden wollen. Das braucht Gespür, weil Gruppendynamiken ihre eigenen Regeln haben und man nicht jeden und jede gleichzeitig zum Strahlen bringen kann. Meistens muss man die Forschen zuerst ermutigen, sich auch so zu zeigen, um sich danach in einem etwas anderen Setting den Schüchternen zuwenden zu können. Ein ganz diffiziles, erfüllendes und tolles Interagieren ist das. Ich würde es „Energiearbeit“ nennen, auch wenn das etwas esoterisch klingt. So fühlt es sich an.

 

 

 

Interview mit Stephanie Endter, Kustodin Bildung und Vermittlung, seit 2011 am Weltkulturen Museum

Wieso hast du dir diese Objekte für dein Bild ausgesucht?

„Ich habe überlegt, was ich wirklich jeden Tag nutze. Es gibt nichts außer einer Teekanne, in der immer ein Liter Tee drin ist, was ich wirklich immer nutze. Egal ob Sommer oder Winter , ich trinke heißen Tee. Im Sommer eher Minze, weil Minze kühlend ist und im Winter eher Ingwer, weil er wärmt.“

Was magst du an deinem Arbeitstag am liebsten?

„Am besten an meiner Arbeit finde ich, dass sie immer unterschiedlich und unvorhersehbar ist, dass sie sehr, sehr abwechslungsreich ist und dass sie aus ganz verschiedenen Tätigkeiten besteht. So mache ich sowohl Konzeptarbeit als auch Drittmittelakquise und aktive Vermittlung. Manchmal springe ich auch spontan für jemanden bei einer Führung oder einem Workshop ein. Am meisten Spaß machen mir langfristige Projekte. Da habe ich das Gefühl, dass ich tatsächlich eine Entwicklung begleiten kann.“

Welche Begegnung war für dich am Museum am bereicherndsten?

„Es gibt super viele wirklich tolle Begegnungen, die ich hier am Museum gemacht habe. Eine, die schon relativ lange her ist und über die ich mich einfach total gefreut habe, war die Begegnung mit Bryce Galloway, einem Fanzine-Künstler aus Neuseeland. Ich habe ihn während seines Aufenthalts hier begleitet. Da ich selbst auch schon viele Zines gemacht habe, hatten wir uns viel zu erzählen. Zudem ist er einfach ein sehr humorvoller, kritisch sensibler Künstler.“

Wie gehst du mit Vorurteilen hier bei der Arbeit um? 

„Mit Vorurteilen werden wir immer wieder, gerade in der Arbeit mit Gruppen, konfrontiert. Mein Umgang damit kommt auf die Situation drauf an. Jede/r hat Vorurteile, sie helfen uns dabei, relativ schnell die Welt ein wenig zu sortieren. Aber wenn Vorurteile in Richtung Rassismus oder andere Formen von Ausgrenzung gehen, dann thematisiere und unterbinde ich derartige Äußerungen.“

 

 

 

Interview mit Julia Friedel, Kustodin Afrika

Wieso hast du dich für dieses Objekt entschieden?

Ich habe selbstgemachte Nudeln mit Tomatensoße mitgebracht und mich deshalb für mein Essen entschieden, weil ich, erstens, grundsätzlich sehr gerne esse und weil es mir, zweitens, wichtig ist, am Tag etwas Selbstgekochtes gegessen zu haben. Prinzipiell esse ich die Sachen, die ich selber koche, eigentlich auch lieber, als das, was man auf der Straße kaufen kann. Damit komme  ich gut und munter durch den Arbeitstag.

Wieso hast du dich in deinem Studium auf Afrika spezialisiert?

Man kann schon sagen, dass das Zufall war. Nach meinem Abitur wusste ich erst nicht genau, was ich machen will, hab mich aber immer sehr für Kunst und Kultur interessiert und wollte gerne in diese Richtung gehen. Gleichzeitig war es mir ein Anliegen etwas zu machen, was man in der Schule nicht schon so oft durchgekaut hatte. Ich habe tatsächlich von Uni zu Uni geguckt, was da Ausgefallenes angeboten wird und fand, dass der Bachelor „Afrikanische Sprachen, Literatur und Kunst“ in Bayreuth sehr spannend klingen würde! Zu dem Zeitpunkt war ich schon mal in Tansania im Urlaub gewesen, was mir auch wahnsinnig gut gefallen hat und hab gedacht, ich probiere das einfach mal aus. Letztlich  hat es super gepasst und ich bin sozusagen „hängen geblieben“. Im Master habe ich mich dann noch weiter auf die Museumsarbeit spezialisiert.

Wenn du jetzt nicht hier am Museum arbeiten würdest, was würdest du dann machen?

Die Frage kann man ja so oder so lesen. Einmal auf den Beruf und einmal auf die Freizeit bezogen. Arbeitstechnisch ist es natürlich schon so, dass man in unserem Bereich nicht so leicht eine so passende, tolle Stelle wie die hier am Museum findet. Deswegen würde ich mich wahrscheinlich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, vielleicht auch freiberuflich an verschiedenen Museen tätig sein. In Bezug auf Freizeit würde ich vermutlich, wenn ich gerade nicht hier am Museum wäre, auf dem Rad sitzen und eine lange Radreise machen, was eine Leidenschaft von mir ist.

 

 

 

Interview mit Heide Schott, Verwaltung, seit 2004 am Weltkulturen Museum

Wieso haben Sie sich diese Objekte für Ihr Foto ausgesucht?

Ich habe mich für diese Objekte entschieden, weil das Sachen sind, die ich im täglichen Arbeitsleben benötige. Unter anderem den Taschenrechner, den ich für jegliche Art von Abrechnungen, Prüfungen von Angeboten, Rechnungen, Verwendungsnachweisen brauche. Der Tagesstempel ist auch ein wichtiges Instrument in der Verwaltung. Damit werden alle Rechnungen und Schriftstücke versehen, um zu wissen, wann diese bei uns eingegangen sind und uns somit keiner sagen kann, dass wir langsam gearbeitet hätten. Und der Notizblock ist auch wichtig, weil man ja immer mal so Informationen zugerufen bekommt, die man sich dann für später kurz notieren kann.

Sie müssen ja sehr viel telefonieren. Was war bisher Ihr witzigster/ interessantester/ spannendster Anruf?

Das ist schwierig zu sagen. Also ich bin schon einmal froh, dass ich noch keinen Telefonscherz vom Radio hatte und reingelegt worden bin. Witzige Anrufe hab ich in der Hinsicht also eher weniger, aber es kommt öfters mal vor, dass Personen hier anrufen und ihre Geschichte erzählen. Meistens kann ich sie dann gar nicht unterbrechen und sie darauf hinweisen, dass sie hier falsch seien. Wenn die Person Luft holt, kann ich dann sagen, dass die Tochter schon in der Schule und nicht hier krankgemeldet werden müsste. Ich sag mir immer: Wenn man selber lächelt, lächeln die anderen auch. Wenn man „grimmig“ telefoniert, denke ich mir, dass das Gespräch dann meistens auch nicht positiv verläuft, deswegen versuche ich immer zu lachen oder wenigstens positiv dabei zu sein.

Was sind denn Ihre Aufgaben in der Verwaltung und welche davon macht Ihnen am meisten Spaß?

Also hier in der Verwaltung haben wir drei Bereiche. Das sind einmal das Rechnungswesen, Personalaufgaben und die allgemeine Verwaltung. Alle drei Bereiche finde ich spannend. Mein Augenmerk liegt allerdings so ein bisschen auf dem Rechnungswesen, weil ich den Wirtschaftsplan für das Haus erstelle – natürlich immer in Zusammenarbeit mit der Direktion. Oder ich fertige Verwendungsnachweise für Projekte an, für die wir Fördergelder bekommen haben. Das ist ein wichtiger Posten, der mir auch Spaß macht. Also mit Zahlen zu hantieren und das Ganze zu händeln. Zusammen mit den anderen zwei Bereichen wird dann alles abwechslungsreich und man kann viel Wissen anhäufen

Ich hab mich einmal durchgefragt und herausgefunden, dass Sie ja auch schon einige Zeit hier am Museum sind. Was hat sich denn in dieser Zeit verändert und was hat Sie motiviert hierzubleiben?

Was sich verändert hat ist schwierig zu sagen. Es ist immer so, dass mit jedem neuen Direktor bzw. jeder neuen Direktorin neue Herausforderungen und Veränderungen kommen. Ob diese positiv oder negativ sind mag mal dahingestellt sein, aber die gibt es dann einfach. Was in den letzten Jahren dazugekommen ist, sind unsere – vor allem auch internationalen – Gäste. Dabei kümmere ich mich meistens um den Flug und das Hotel und was eben noch so dazugehört. Das wäre für mich ein Beispiel einer Veränderung. Und was mich motiviert hierzubleiben? Das ist eine gute Frage. Weil es hier so vielseitig ist und ich für so viele Bereiche zuständig bin. Es ist nicht so, dass ich mich den ganzen Tag nur um die Finanzen kümmere, sondern ich kann auch sagen, naja jetzt habe ich heute mal eher Lust eine Ausschreibung vorzubereiten oder Rechnungen zu bezahlen oder die Statistik zu machen, also ich kann mir so meine Aufgaben selbst enteilen. Natürlich muss ich sie irgendwann machen, aber ich bin in meiner Arbeitstaggestaltung schon relativ frei und das ist eine schöne Sache. Was sicherlich in anderen Bereichen nicht so ist. Da hat man nur Personal, oder Rechnungsführung oder allgemeine Verwaltung und wir machen hier in der Verwaltung alles. Natürlich motiviert es einen hierzubleiben, wenn man nette Kollegen hat wie Suanne Becker (ebenfalls in der Verwaltung tätig), mit der ich ja sehr eng zusammenarbeite und wenn man dann weiß, dass man ein gutes Arbeitsumfeld hat, dann bleibt man doch auch eher mal länger, auch wenn es schwierig wird.

 

 

 

 

Interview mit Eva Raabe, Stellvertretende Direktorin und Kustodin Ozeanien, seit 1985 am Weltkulturen Museum

Wieso haben Sie sich diese Objekte für Ihr Foto ausgesucht?

„Es ist eine etwas schwierige Frage, weil ich gar kein Objekt habe, welches immer da sein muss, neben mir auf dem Schreibtisch, während ich arbeite. Wenn ich mich zum Beispiel in das Texteschreiben versenke, dann sind die Objekte nicht mehr so wichtig, weil ich sie dann vor meinem geistigen Auge habe. Aber was ich niemals tue, ist ohne Ohrringe zu tragen aus dem Haus zu gehen, dann fühle ich mich nackt. Ich habe eine sehr große Sammlung, weil ich dank meiner Arbeit am Museum eine Affinität zum Sammeln habe. Die Ohrringe sind ein ganz wichtiges Sammlungsthema bei mir und ich habe von meinen Reisen immer Ohrringe mitgebracht. Was ich hier mitgebracht habe, sind Ohrringe mit Landschnecken von Manus, einer Insel nördlich von Neuguinea. Die habe ich mir in Port Moresby, der Hauptstadt Papua-Neuguineas, gekauft, bei einem italienischen Juwelier. Das ist ein ganz ungewöhnlicher Beruf in Papua-Neuguinea, weil man da ja traditionell die Metallverarbeitung gar nicht kannte und sich erst später, mit der Kolonialzeit, erst solche Berufe angesiedelt haben. Dieser Juwelier hat eine Marktlücke entdeckt und somit ein riesiges Geschäft in Port Moresby gehabt. Sein Schmuck ist sehr interessant, weil er aus Naturmaterialien und Edelmetallen zusammengesetzt ist. Was ich an diesen Ohrringen so beachtlich finde, ist, dass es Landschnecken sind, die nur auf Manus vorkommen. Zu der grünen Farbe werde ich häufig gefragt, ob sie gefärbt sind, aber es ist die originale Farbe. Das Interessante ist, dass sie in Amerika auf der roten Liste für den Artenschutz stehen, in Deutschland aber nicht. Das erinnert mich immer daran, dass man Dinge von zwei Perspektiven aus sehen und sich auch manchmal täuschen kann. Nach eigener Nachforschung hat mir ein Naturwissenschaftler erklärt, dass es darauf ankommt, wann man zählt, denn die Artenschutzliste kommt durch das Zählen zustande. Die Amerikaner sind in der Trockenzeit dort gewesen, wo sich die Schnecke unter Blätter zurückzieht und versteckt, um zu überleben. Die deutschen Naturkundler haben in der Monsunzeit, wo es viel regnet, gezählt und da waren genug Schnecken da und so ist das zustande gekommen. Das sind eigentlich meine liebsten Ohrringe, nicht nur, weil sie so schön grün sind, sondern weil ich auch immer an diese Geschichte denken muss, dass es darauf ankommt, von welcher Seite man eine Sache betrachtet.“

Was ist ihre liebste Geschichte aus dem Alltag des Museums?

„Da musste ich ganz lange nachdenken, weil ich jetzt ja schon über dreißig Jahre hier bin und so viel passiert ist in dieser Zeit. Aber ich habe mich entschieden, wieder etwas zu erzählen, was mit der Insel Manus zu tun hat. Das kommt daher, dass Ozeanien und ganz besonders Neuguinea mein Spezialgebiet ist. Ich war auch schon mehrfach da und habe dort sehr viel mit zeitgenössischen Künstlern gearbeitet. Einer dieser Künstler kommt von der Insel Manus, ist aber ausgebildeter Kunstlehrer und lebt in Port Moresby. Er war auch zu Besuch in Deutschland und hat bei mir gewohnt. Das war noch zu Anfang der 90er Jahre, in einer Wohnung, wo man noch nicht so viele Fernsehprogramme hatte, schon gar keine englischsprachigen und um uns die Zeit zu vertreiben, haben wir uns dann abends Geschichten erzählt. Er hat mir von seinem Vater erzählt, der Fischer war und der Mal eines Abends ganz erschrocken nach Hause kam und gesagt hatte, er hätte eine Meerjungfrau an der Angel gehabt und diese wäre langsam die Angel hochgestiegen, er wäre aber dann geflüchtet, weil er Angst gehabt hatte und dann hat Joe Nalo, der Künstler, gesagt: „Oh Vater, warum hast du nicht gewartet, ich würde gerne wissen, wie eine solche Meerjungfrau aussieht.“ Dann habe ich gesagt: „Sag Mal, du bist studierter Lehrer, glaubst du an so etwas?“ und da hat er gesagt, sein Vater hätte die Kinder nie belogen, deswegen würde er es glauben. Dann habe ich gesagt: „Ja aber, was meinst du denn, wie sehen bei euch die Meerjungfrauen aus? Sehen die aus wie du oder sehen die so aus, wie man sich das bei uns erzählt, nämlich mit ganz heller Haut und langen blonden Haaren, mit grünen Algen drin?“ Und dann hat er mich angesehen, ich hatte damals auch noch blondierte Haare, hat gelacht und dann gesagt: „Die haben natürlich blonde Haare.“ Und zwei, drei Jahre später, hat uns dieser Künstler ein Bild zum Kauf angeboten und hat eine Mythe seiner Heimat dargestellt, von einer besonderen Insel. Das ganze Meer darum herum ist bevölkert von Fischen und Lebewesen und ganz oben in der Ecke sieht man auch eine Meerjungfrau und diese Meerjungfrau hat helle Haut und lange, blonde grünliche Haare. Das fand ich dann ganz prima, weil dieses Bild später entstanden ist und es zu einem guten Teil auch auf die Geschichten zurückgeht, die wir uns damals erzählt haben.“  

Was hat sich in den letzten 33 Jahren am meisten hier am Museum verändert? Was hat sich gar nicht verändert?

„Was sich nicht geändert hat, ist, dass wir immer noch keinen Neubau haben, obwohl wir es schon mehrfach geplant haben, aber eigentlich hat sich immer dieses Vorgehen wiederholt. Wir mussten ein Konzept entwerfen, es gab Neubaupläne und dann sind diese Neubaupläne wegen finanzieller Schwierigkeiten der Stadt Frankfurt gestrichen worden. Das ist bei den älteren Mitarbeitern schon ein Running Gag, dass wir, wenn wieder Mal eine Neubauplanung diskutiert wird, ganz sicher sein können, dass die Stadt Frankfurt finanzielle Probleme kriegt und wir den Neubau wieder streichen müssen.                                                      Aber was sich sehr stark geändert hat, ist die Arbeitsweise. Ich habe in den 80er Jahren angefangen, da haben wir überhaupt nicht mit Computern gearbeitet. Die Stadt Frankfurt hat erst in den 90er Jahren umgestellt auf digitale Medien. Allein dass wir heute eine Datenbank haben und ganz anders recherchieren können, wenn wir Ausstellungen oder Projekte vorbereiten. Früher musste ich, wenn ich zum Beispiel eine Ausstellung zum Thema Masken gemacht habe und ich etwas für Übergangsriten suchen wollte, mit der Daumen-such-Methode durch die Karteikarten gehen und an den Schränken entlang gehen, was ich heute noch mache, um mich von den Objekten selbst inspirieren zu lassen. Aber heute kann ich natürlich die Worte Maske, Übergang, Ritus, Kult in den Computer eingeben und kriege dann die Listen der Objekte und kann sehr viel schneller und zielgerichteter arbeiten.                 Vielfach hat sich die Sicht auf Dinge verändert. Man ist wieder viel visueller, früher hat man sehr viel mehr mit Text gearbeitet, weil durch das Fehlen der digitalen Fotografien das Fotografieren viel langwieriger war. Man hat Objekte fotografiert und dann auf die Abzüge gewartet und heute macht man mit der digitalen Kamera in ein paar Minuten Mal schnell 12 Arbeitsaufnahmen. Außerdem bin ich Ethnologin und da lernt man, dass Zeit immer zyklisch abläuft. Ich bin der Meinung, dass sich vieles wiederholt, auch in meinem Leben. In den 70er Jahren gab es noch viele politische Bewegungen, die sehr kritisch sein wollten in der Ethnologie. Dann ist man wieder eher zum Darstellen von Kunst übergegangen und heute ist man wieder viel kritischer. Die Fragen, die heute gestellt werden, über Raubkunst und koloniale Herrschaft, erinnern mich sehr stark an mein Studium und meinen Arbeitsbeginn. Natürlich ist es dann immer in einer etwas anderen Form gekleidet, aber vieles kennt man dann auch schon.

Es kommt auch immer wieder anders rüber, weil jüngere Leute auch ihre eigene Perspektive mitbringen. Das finde ich positiv, weil es einen immer wieder neugierig macht, wie dann die nächste Generation mit Problemen umgeht. Die Vorgehensweise ist oft ganz anders und davon habe ich auch viel gelernt. Es ist wichtig, dass man nicht sagt, die Älteren müssen immer vorgeben wie es gemacht wird, oder dass die Jüngeren viel origineller als die Älteren sein. Sondern dass man offen ist, dass man voneinander lernen und sich über Dinge austauschen kann. Das denke ich mir ist so, wenn man auf dreißig Jahre zurückschaut, das Wichtigste.“

Wieso eigentlich Ozeanien?

„Das hat etwas zu tun mit meinem Studienort. Ich habe in Göttingen studiert und da war neben Afrika Ozeanien ein Schwerpunkt. Ich habe mich im ersten Jahr viel mit Afrika beschäftigt, aber mich dann schon im zweiten Studienjahr auf Ozeanien spezialisiert, weil ich fasziniert war von den Vorlesungen meines Doktorvaters, der Ozeanist war und auch gerade von einer Feldforschung zurückkam. Was mich fasziniert hat, war diese andere Situation in Ozeanien, weil es ja nicht mit einem Kontinent zu tun hat, sondern mit einer ganz vielfältigen Inselwelt. Es hat aber auch noch etwas damit zu tun, dass ich schon als Schülerin im Bücherregal meiner Eltern, die beide Lehrer waren, Bücher gefunden habe von Margaret Mead, einer amerikanischen Ethnologin, die berühmt geworden ist, weil sie in der Südsee und vor allen Dingen in Samoa geforscht hat, dass erwachsen werden kulturell bedingt ist. Solche Bücher hatten in den 50er 60er Jahren gerade Lehrer im Bücherschrank stehen, weil sie sich mit pädagogischer Theorie beschäftigten. Es hat mich damals schon fasziniert und als ich dann in Göttingen studiert habe, liefen all diese Themen, die mich faszinierten, irgendwie auf glückliche Art und Weise zusammen. Dann habe ich Ozeanien als Spezialgebiet gewählt und bin schon während des Studiums in Neuguinea gewesen und habe mich da mit zeitgenössischer Kunst beschäftigt. Als ich dann zurückkam, wollte ich nichts anderes mehr machen, als Ozeanien.“